Warum Wiederladen - und was genau bedeutet das?


Das Herstellen der eigenen Munition sehen viele Schützen in erster Linie als willkommene Gelegenheit um Kosten zu sparen. Bei genauerer Betrachtung stellt man - gerade als Ordonnanzschütze - fest, dass dies oftmals ein Trugschluss ist. Hohe Anschaffungskosten für die Ausrüstung und Gebühren für die (hierzulande) erforderliche Erlaubnis schrecken schon etwas ab. Was also bringt Einen dazu, sich trotzdem diesem "Hobby im Hobby" zu widmen?

Rechtliches
Bevor man in der Bundesrepublik Deutschland Munition für Jagd- und Sportzwecke selbst laden darf, muß man etliche rechtliche Bedingungen und Bestimmungen  aus verschiedenen Gesetzen und Verordnungen erfüllen, bzw. beachten. So kommt unter anderem das Sprengstoffgesetz und die Sprengstoffverordnung zur Anwendung.
Ansonsten besteht nur die Möglichkeit, unter Aufsicht einer berechtigten Person das Wiederladen zu betreiben.

Grundlegendes
Eine Patrone besteht in der Regel aus den Komponenten Hülse, Zündhütchen, Treibladung und Geschoss.
Die Hülse hat die Aufgabe, das Zündhütchen, die Treibladung und das Geschoss zu vereinigen und das Patronenlager zum Verschluss hin gasdicht abzudichten. Heutzutage bestehen Hülsen für Gewehre, Pistolen und Revolver aus Messing (einer Legierung aus ca. 70% Kupfer und 30% Zink), weil dieses Material gut lidert (Ausdehnung unter Druck und leichtes Zurückspringen nach Druckabfall). Die moderne Herstellung von Hülsen erfolgt üblicherweise in mehreren Vorgängen im sogenannten Kaltzugverfahren. Eine Hülse soll im oberen Bereich - also im Bereich des Hülsenmundes und -halses - weich, im mittleren Hülsenkörperbereich mittelhart und im Bodenbereich massiv und hart sein.
Anhand der äußeren Form unterscheidet man zwischen Schulter- oder Flaschenhülsen, zylindrischen und konischen Hülsen, die sich außerdem durch den Hülsenboden unterscheiden können (Randhülse, randlose Hülse mit Ausziehrille, Gürtelhülse, usw.). Des Weiteren kategorisiert man Hülsen auch durch ihre Zündungsarten, nämlich in Zentralfeuerpatronen, die nochmals aufgrund ihrer Zündsysteme in Berdan- und Boxerzündung getrennt werden, und Randfeuerpatronen, die sich aber zum Wiederladen nicht eignen.
Die Hülsenform bestimmt, bzw. legt den Verschlussabstand (Abstand des Hülsenbodens zum Stoßboden des Waffenverschlusses) fest. Der Verschlussabstand bildet sich bei Randhülsen durch die Anlage des Randes, bei den randlosen Schulterhülsen durch die Anlage der Schulter, bei Gürtelhülsen durch die Anlage des Gürtels und bei randlosen zylindrischen Hülsen durch die Anlage des Hülsenmundes im Patronenlager der Waffe.
Das Zündhütchen der Zentralfeuerzündung hat die Aufgabe, die Treibladung zu zünden und das Ausströmen heißer Gase nach hinten zu verhindern. Es wirkt mechanisch-chemisch-thermisch, d.h. die Energie des auftreffenden Schlagbolzens presst die im Messingnäpfchen eingelegte Zündmasse auf ein Gegenlager. Dadurch wird die chemisch-thermische Reaktion ausgelöst. Die verschiedenen Zündhütchen werden häufig entsprechend ihrem angedachten Einsatzzweck benannt (z.B. Large Pistol, Large Rifle, usw.).
Das Treibladungspulver muß nach dem Anbrennen durch Umsetzung in heißes Gas den Druck bilden, der das Geschoss aus der Hülse und durch den Lauf treibt. Früher verwandte man dazu Schwarzpulver (ein Gemisch, bzw. Gemenge aus Salpeter, Schwefel und Holzkohle). Die Entwicklung des Nitrozellulosepulvers beendete jedoch diese Ära und ließ die moderne Waffenentwicklung rasant fortschreiten. Durch Gelatinierung kann man die Nitrozellulose in beliebige Form pressen, was wiederum die Anbrenneigenschaft und das Abbrandverhalten beeinflusst. Man unterscheidet hier zwischen offensiven Pulvern (= schnelles Umsetzen in heißes Gas) und progressiven Pulvern (=langsames Umsetzen in heißes Gas).
Bei den Geschossen von Patronenmunition handelt es sich entweder um reine Bleigeschosse, Voll-, bzw. Teilmantelgeschosse (ein Überzug aus Stahl oder der Kupferlegierung Tombak umhüllt das Bleigeschoss ganz oder teilweise) und die in jüngerer Zeit entwickelten Massivgeschosse, die aus einer homogenen Metalllegierung bestehen. Unterschiedliche Geschossformen und -zusammensetzungen sollen unter anderem die Präzision steigern und dem jeweiligen Einsatzzweck bestens genügen.

Da kommerziell gefertigte Munition in jeder Waffe eines bestimmten Kalibers funktionieren muss, ist es logisch, dass diese "Fabrikmunition" auch immer nur eine Art Kompromiss für die jeweiligen Waffen darstellt. Aufgrund dieser Erkenntnis ist es gerade für den Ordonnanzschützen ratsam, selbst eine präzise und gleichzeitig waffenschonende Laborierung für sein geliebtes - und oftmals sehr betagtes - Militärgewehr zu entwickeln.
Die Innenballistik ist das eigentliche Betätigungsfeld des Wiederladers. Hier liegen fast alle Möglichkeiten, der Patrone mehr oder weniger Leistung zu geben und die Präzision, sowie andere Erscheinungen - wie etwa starkes Mündungsfeuer - der Patrone zu beeinflussen.
Um die Schussentwicklung kontrolliert und von Schuss zu Schuss gleichmäßig ablaufen zu lassen, müssen alle Komponenten richtig aufeinander abgestimmt werden. Dabei darf der für jedes einzelne Kaliber festgesetzte höchstzulässige Gebrauchsgasdruck keinesfalls überschritten werden. Jeder Pulver- und Geschosshersteller gibt geprüfte Ladedaten bekannt, auf die sich der Wiederlader stützen kann.

Bevor man mit der Wiederladerei beginnt, sollte man sich zunächst einmal kurz Gedanken darüber machen, für welche Waffen und in welchem Umfang das Ganze betrieben werden soll. So ist zum Beispiel ein Jäger, der einen Munitionsverbrauch von hundert Schuss und weniger im Jahr hat, mit einer Einstationenpresse vollauf bedient. Ein ambitionierter Sportschütze hingegen, der Waffen in den unterschiedlichsten Kurz- und Langwaffenkalibern sein Eigen nennt, ist mit einer Mehrstationenpresse besser beraten. Diese stehen meines Erachtens heutzutage der Präzision einer Presse herkömmlicher Bauart in nichts nach und haben den Vorteil der Massenproduktion im positiven Sinn.
Nachdem ich den Wiederladekurs abgeschlossen hatte, machte ich meine ersten "Gehversuche" mit einer Lee Challenger. Die Presse war Teil des "Anniversary Kits" - eines günstigen Einsteiger-Komplettangebots - und eignet sich allen Unkenrufen zum Trotz durchaus für das Herstellen von Kleinmengen an präziser Munition.
Mittlerweile besitze ich jedoch eine
Dillon RL550B
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  Mit dieser Progressiv-Presse fertige ich nunmehr ausschließlich die Munition für meine sämtlichen Waffen; und da wir gerade beim Thema sind, möchte ich noch auf einen von mir geposteten Beitrag im Internet-Forum Waffen-online.de hinweisen:

Es wird immer wieder behauptet, dass man vernünftige Munition für die Knallstöcke nur auf einer Einstationenpresse herstellen kann.
Ich behaupte dagegen: Den Aufwand muss man nicht treiben, wenn man brauchbare Murmeln für 'nen Repetierer haben will. Seit ich die 550er Dillon hab', fertige ich meine gesamte LW-Muni ausschließlich mit der Blauen; und dies ohne Qualitäts- und Präzisionseinbußen.
Die LW-Hülsen bekommen bei mir sozusagen immer dann einen "Rundumschlag" verpasst, wenn's wieder Zeit für's Trimmen ist. Ich hab' mir dafür extra Toolheads zugelegt, die nur mit der entsprechenden Vollkalibriermatrize bestückt sind.
Logischerweise bleibt das ZH-Setzsystem solange praktisch ausser Betrieb, bis es dann wieder ans eigentliche Wiederladen geht. Das funktioniert prima und ist überhaupt keine größere Fummelei als mit einer Einstationenpresse. Nebenbei bemerkt: Der Pulverfüller, das hat auch schon die einschlägige Fachpresse in verschiedenen Tests beschrieben, braucht den Vergleich mit anderen hochwertigen, händisch betriebenen Füllern nicht zu scheuen. Aber wem erzähl' ich das, oder?!
Bei einem "normalen" Wiederladevorgang kommt an Station 1 lediglich eine Halskalibriermatrize zum Einsatz. Nun wird sich der Eine oder Andere fragen, wie ich die Zündglocken und Zündlöcher behandle? Nun, nicht anders, wie bei der KW-Muni - nämlich gar nicht! Meine persönliche Erfahrung hat mir bisher gezeigt, dass moderne und qualitativ hochwertige Zündhütchen so gut wie keine Rückstände hinterlassen.
Allerdings erhalten bei mir alle Hülsen generell vor ihrem ersten Einsatz das "große Programm" im Sinne von Zünglocke, bzw. Zündloch egalisieren, usw.
Die RL550B ist für mich die ideale Presse für Leute, die größere Mengen an Kurz- und Langwaffenmunition verbrauchen, dabei aber qualitativ nicht zurückstehen wollen - zumindest nicht hinter hochwertiger Fabrikmunition.
Bisher haben mich die auf diese Weise hergestellten Murmeln noch nicht enttäuscht ...

Dieser Beitrag sollte sozusagen als Anleitung und Ermutigung zum Wiederladen von Langwaffenpatronen auf Mehrstationenpressen dienen. Im Nachhinein zeigte sich, dass ich bei Weitem nicht der einzige Wiederlader bin, der seine Patronen so oder so ähnlich lädt. Auch andere Forenmitglieder, darunter einige Koriphäen im Schießsport, bestätigten meine Thesen. Ein ambitionierter Schütze mit hohem Munitionsverbrauch - egal, ob im Lang- oder Kurzwaffenbereich - hat einfach nicht die Zeit und Lust, sich tage- und wochenlang im heimischen Keller an der Ladebank aufzuhalten. Eine Progressivpresse, wie etwa von Dillon, ermöglicht schnelles und gleichzeitig präzises Arbeiten.
Nachdem der Schütze, bzw. Wiederlader die ersten Entscheidungen hinsichtlich der Ausrüstung getroffen hat, geht es nun darum, eine passende Laborierung für die jeweilige Waffe zu finden. Wie eingangs erwähnt, veröffentlichen die Hersteller von Geschossen und Pulvern geprüfte Daten, auf die man getrost zurückgreifen kann. Darüber hinaus gibt es sogenannte "Brot-und-Butter-Ladungen" für alle gebräuchlichen Kaliber, die weithin bekannt sind und auch in der einschlägigen Literatur zu finden sind. Als sehr gelungene Lektüre - gerade für Einsteiger in den Bereichen Ordonnanzschießen und Wiederladen - kann ich zum Beispiel die VISIER-Spezial-Hefte empfehlen. Die reich bebilderten Sonderhefte vermitteln alles Wissenswerte, ohne "trocken" zu wirken. Weitere Klassiker sind "Wiederladen" von Dynamit Nobel, "Wiederladen - Vorbereitung und Praxis" der DEVA, oder auch "Wiederladen für Profis und Einsteiger" von H&N. Ebenso können Internet-Foren, wie z.B. Waffen-online.de, eine nützliche Fundgrube an Wissenswertem darstellen. Die einzelnen Schritte rund um's Wiederladen einer Patrone werden da sehr anschaulich erklärt, daher möchte ich hier nicht weiter darauf eingehen.

Meine bisherigen Erfahrungen haben gezeigt, dass man gerade mit den oben erwähnten "Brot-und-Butter-Laborierungen" eigentlich immer gute Streukreise erreicht,  vorausgesetzt, die Waffe befindet sich in einem akzeptablen Zustand. Daher mein Tipp: Gerade als Einsteiger in den Schießsport, bzw. ins Wiederladen sollte man sich zuerst an erprobte und bewährte Ladungen halten, bevor man durch weiteres Probieren versucht, eventuell das letzte Quäntchen Präzision aus seiner eigenen "Geheimrezeptur" herauszuholen. Auf der Suche nach der optimalen Ladung muss man nicht jedesmal das Rad neu erfinden; häufig stellt sich im Nachhinein heraus, dass regelmäßiges und gewissenhaftes Trainieren der eigentliche Schlüssel zum Erfolg ist.

Wird fortgesetzt ...